Monatsrückblick November 2022 - Zur Lage an den Kapitalmärkten

Sehr geehrte Damen,
sehr geehrte Herren,

ist der Inflationshöhepunkt überschritten? Das fragten sich die Märkte im November und sie beantworteten diese Frage mit einem "Ja". Angesichts der erreichten zweistelligen Inflationsraten ist ein Rückgang auf niedrigere Werte wahrscheinlich.

Die allgemeine Risikobereitschaft kehrte damit binnen zwei Monaten wieder zurück. Nun kündigte die US-Notenbank an, das Tempo der Zinserhöhungen zu drosseln. Sind damit die Hoffnungen, bereits das Schlimmste überstanden zu haben, gerechtfertigt?

Die Trends an den Kapitalmärkten

Die Aktien erholten sich auch im November bei teilweise zweistellig prozentualen Anstiegen sehr kräftig. Auch die Zinsen für Anleihen sanken weiter. Damit konnten Teile der in 2022 zu verzeichnenden Verluste wieder aufgeholt werden. Die Märkte haben damit das "Bärenmarkt-Terrain" verlassen. Die Hoffnungen auf einen neuen Bullenmarkt, dürften aber verfrüht sein. Kräftige zwischenzeitliche Erholungen sind in schwierigen Börsenphasen nichts Ungewöhnliches. Konjunkturell verheißt das kommende Jahr nichts Gutes.

Die Risikobereitschaft/Stimmung an den Märkten

Die Stimmung an den Märkten folgt den Börsenkursen. Fallen die Kurse kippt die Stimmung, steigen die Kurse, wird sie besser. Obere und untere Wendepunkte korrespondieren mit Euphorie und Panik als Extreme. Den Mut, den wenige antizyklische Investoren Ende September aufbrachten, wurde belohnt. Wie schon im Okotober wird das Glas nun wieder als halbvoll beschrieben. Selbst das Fiasko an den Krypto-Märkten konnte die Zuversicht nicht trüben. Diese Robustheit überrascht - vernichteten Bitcoins & Co. weitere Milliarden - und für viele Beobachter dienen sie als Beweis für die Verletzlichkeit des Finanzsystems. Auch befinden sich die Aktien der langjährigen Favoriten von Alphabet (Google), Amazon, Apple, Microsoft und Tesla in bestätigten Abwärtstrends. Für einen neuen Börsenaufschwung müssten neue Favoriten gekürt werden. Ob klassische Industrie-, Energie-  oder Rohstoffaktien, deren Renaissance in den letzten Monaten zu beobachten war, dauerhaft an ihre Stelle treten können, ist unter Berücksichtigung der konjunkturellen Perspektiven fraglich. Im Idealfall befindet sich die Stimmung an den Märkten im neutralen Bereich - nicht zu heiß und nicht zu kalt. Angesichts der hohen Unsicherheitspotenziale könnten die zur Zeit eher entspannten Gemüter jederzeit schnell wieder in Wallung geraten.

Gewinnentwicklung der Unternehmen und Preis-Wert-Verhältnisse

Die gestiegenen Energie- und Rohstoffkosten konnten bisher durch staatliche Subventionen in Milliardenhöhe in Schach gehalten werden. Es gelang vielen Unternehmen, die Kosten auf Endabnehmer umzulegen, und damit Umsätze und Gewinne zu steigern. Mit Blick auf die in 2022 gesunkenen Aktienpreise, haben sich die Bewertungen damit verbessert. Sie sind aber noch nicht in einem Bereich, der auch im Falle einer Rezession als ausreichend günstig angesehen werden könnte. Bei noch anhaltendem Inflationsdruck stehen bis Mitte 2023 weitere Zinsschritte seitens der Notenbanken auf der Agenda. Angesichts der steigenden Defizite der öffentlichen Haushalte und die schwindende Kaufkraft der Konsumenten wird die Luft jedoch zunehmend dünner. Die Analysten rechnen jedoch immer noch mit steigenden Gewinnen in 2023. Hier verbirgt sich größeres Enttäuschungspotzenzial für die Aktienmärkte. Höhere Zinsen erhöhen die Attraktivität von Termineinanlagen und Anleihen gegenüber Aktien.

Konjunktur

Die Konjunktur zeigt sich bisher aller Widrigkeiten zum Trotz als sehr widerstandsfähig. Staatliche Transferzahlungen an Unternehmen und Haushalte in Milliardenhöhe verhindern bisher ein Abgleiten in die Rezession. In der Corona-Krise war man mit dieser Politik erfolgreich. Im Unterschied zur Corona-Krise steigen nun die Zinsen. Im Nachhinein gesehen, haben Regierungen und Notenbanken zuviel des Guten getan und damit die Inflationsprobleme, mit denen wir heute zu kämpfen haben, mitverursacht. Nun deuten alle einschlägigen Konjunkturindikatoren mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit auf eine Rezession hin, die sich aufgeschoben, aber nicht aufgehoben im kommenden Jahr entfallten könnte. Das hohe Tempo mit denen die Notenbanken auf die Bremse treten, ist im aktuellen Umfeld noch verkraftbar. Das hohe Zinsniveau ist aber ein Wachstumskiller in einer Welt, die in den letzten 30 Jahren mit billigem Geld verwöhnt wurde. Die Geschichte lehrt, dass geldpolitische Bremsmanöver konjunkturell heikle Angelegenheiten sind. Ein sanftes Abklingen der wirtschaftlichen Tätigkeit, eines "softlanding", wie es von den Finanzmärkten favorisiert wird, ist eher unwahrscheinlich. Ein Rückgang der Inflationsrate in einen angenehmen Bereich zwischen 2-3% erscheint angesichts einer allgemeinen Energie-, Ressourcen- und Arbeitskräfteknappheit als unrealistisch. Das Überschreiten eines kurzfristigen Infaltionshöhepunktes sollte nicht als grundlegende Trendwende missverstanden werden.

Zusammenfassung

Die Märkte bewegen sich immer noch in einem starken Wechselbad der Gefühle. Das dürfte sich so schnell auch nicht ändern. Die Hoffnungen der Marktteilnehmer könnten sich als zu optimistisch erweisen. Im Rückblick auf das Corona-Jahr 2020 haben sie allen Unkenrufen zum Trotz, Recht behalten können. Das nährt ihre Zuversicht. Die Situation ist nun eine andere. Die hervorgerufene Inflation ist ein zu ernstes Problem, dass man schon zur Tagesordnung übergehen könnte. Ich halte es für ratsam, geduldig bis zum Eintritt der Rezession zu warten. Erst dann wäre ein günstiger Zeitpunkt, Positionen an den Aktienmärkten aufzustocken.

Für Rückfragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

Michael Scheidgen
private finance e.K.
Stefan-Andres-Straße 23
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Tel. 02631/953960

Neuwied, 01. Dezember 2022

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Norbert Labonte

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